Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, hat am 16. Februar 2026 in einer Rede vor der American Chamber of Commerce in Frankfurt Euro-denominierte Stablecoins explizit unterstützt. Er begründet dies mit der Notwendigkeit günstiger grenzüberschreitender Zahlungen und der Unabhängigkeit von US-dominierten Zahlungssystemen. Nagel warnt vor einer digitalen Dollarisierung, da 99 Prozent aller Stablecoins in US-Dollar denominiert sind. Der gesamte EUR-Stablecoin-Markt liegt bei etwa 600 Millionen Dollar, während allein USDT eine Marktkapitalisierung von 176 Milliarden Dollar aufweist. Der Retail Digital Euro ist erst für 2029 geplant.

In Kürze

  • Bundesbank zwischen CBDC und privaten Stablecoins: Die neue Strategie
  • 600 Millionen Euro gegen 280 Milliarden Dollar: Das Verhältnis im Stablecoin-Markt
  • USDT-Monopol mit Bitfinex-Verbindung: 176 Milliarden Dollar aus einem Ökosystem

Bundesbank zwischen CBDC und privaten Stablecoins: Die neue Strategie

Die Bundesbank verfolgt parallel zwei Ansätze. Erstens: der Retail Digital Euro als staatlich ausgegebene digitale Währung für Endverbraucher, geplant für 2029. Zweitens: eine Wholesale-CBDC für programmierbare Zahlungen zwischen Banken und institutionellen Akteuren.

Nagels jüngste Aussage ergänzt diese Strategie um eine dritte Komponente: die ausdrückliche Unterstützung privater Euro-Stablecoins. Das ist bemerkenswert, denn Zentralbanken standen privaten Stablecoins bisher skeptisch gegenüber.

Sie wurden als Konkurrenz zur staatlichen Geldhoheit betrachtet, nicht als Ergänzung.

Euro Stablecoins verlieren gegen US-Dollar

Nagel argumentiert nun anders: Private Stablecoins könnten schneller skalieren als staatliche Digitale Währungen und würden Lücken füllen, die der Digital Euro nicht abdeckt. Die Logik dahinter ist pragmatisch. Der Digital Euro braucht noch drei Jahre bis zur Einführung. In dieser Zeit festigt sich die Dollar-Dominanz im digitalen Zahlungsverkehr weiter. Private EUR-Stablecoins könnten diese Lücke schließen, wenn der regulatorische Rahmen stimmt.

600 Millionen Euro gegen 280 Milliarden Dollar: Das Verhältnis im Stablecoin-Markt

Der gesamte Stablecoin-Markt liegt bei etwa 312 Milliarden Dollar. Davon entfallen über 280 Milliarden Dollar auf USD-denominierte Coins, primär USDT mit 176 Milliarden Dollar und USDC mit 74 Milliarden Dollar. EUR-Stablecoins machen 600 Millionen Dollar aus, was 0,19 Prozent des Gesamtmarktes entspricht. Der größte EUR-Stablecoin ist EURC von Circle mit 456 Millionen Dollar. EURT von Tether liegt bei 27,5 Millionen Dollar. Alle anderen EUR-Stablecoins zusammen kommen nicht über 150 Millionen Dollar.

Das bedeutet: USDT allein ist 293-mal größer als der gesamte EUR-Stablecoin-Markt. USDC ist 123-mal größer. Der Unterschied ist nicht graduell, sondern strukturell. Krypto-Märkte operieren faktisch als Dollar-System. Handel, Liquidität, Zahlungsabwicklung und Preisfindung laufen über USD-Stablecoins.

Der Euro spielt keine Rolle. Das verstärkt die Dollar-Dominanz im internationalen Zahlungsverkehr, anstatt sie zu reduzieren. Nagels Warnung vor digitaler Dollarisierung ist keine Übertreibung, sondern eine Beschreibung des Status quo.

USDT-Monopol mit Bitfinex-Verbindung: 176 Milliarden Dollar aus einem Ökosystem

USDT wird von Tether Limited ausgegeben, einem Unternehmen das strukturell mit der Krypto-Börse Bitfinex verbunden ist. Beide gehören zur iFinex Inc. und haben gemeinsame Eigentümer. Tether entwickelte sich ursprünglich eng mit Bitfinex und wurde später als eigenständiges Unternehmen ausgegliedert. Die Verbindung bleibt bestehen. 176 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung kontrolliert von einer Struktur, die außerhalb traditioneller Bankenregulierung operiert und keine vollständige Transparenz über Reserven bietet.

Das ist das dominierende Zahlungsmittel im Krypto-Markt. USDC von Circle ist regulatorisch besser aufgestellt, aber ebenfalls privat und USD-basiert. Zusammen kontrollieren diese beiden Unternehmen über 80 Prozent des gesamten Stablecoin-Marktes. Der US GENIUS Act, verabschiedet im Juli 2025, hat USD-Stablecoins regulatorisch gestärkt und ihren strukturellen Vorsprung weiter ausgebaut.

Europa hat keine vergleichbare Regulierung und keinen vergleichbaren Markt. Nagels Forderung nach Euro-Stablecoins ist eine Reaktion auf diese Asymmetrie. Ob sie erfolgreich sein kann, hängt davon ab, ob Europa Anreize schafft, die stark genug sind, um gegen ein etabliertes Netzwerkeffekt-Monopol anzutreten.

Kryptowährungen – wie Stablecoins – die sich an Fiat orientieren, reproduziert bestehende Währungshierarchien in digitaler Form. Der Dollar dominiert nicht, weil er technologisch überlegen ist, sondern weil er in ein bestehendes System aus Liquidität, Netzwerkeffekten und regulatorischer Unterstützung eingebettet ist. Euro-Stablecoins müssten gegen dieses System antreten, nicht nur gegen andere Stablecoins.

Nagels Aussage erkennt das Problem, bietet aber keine Lösung für das Anreizsystem, das die Dollar-Dominanz aufrechterhält. Private Akteure werden EUR-Stablecoins nur dann im großen Maßstab ausgeben, wenn es profitabel ist. Nutzer werden sie nur dann verwenden, wenn sie Vorteile gegenüber USD-Stablecoins bieten. Beides ist derzeit nicht der Fall.

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